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Mythen
Auf dieser Seite sowie in einer kleinen Videoreihe geht es um populäre Mythen, welche Stimme, Bewegung, Haltung und Atmung umranken.
Mythen haben etwas Spannendes an sich. Gerade die (unzulässige) Verschmelzung inkompatibler Aspekte (wie in der Alchimie) machen sie so unwiderstehlich.
Der eine oder andere Mythos ist Ihnen sicher auch schon einmal begegnet.
Wenn von der Macht der Stimme die Rede ist, von einer eigenen Sprache des Körpers, wenn die Persönlichkeit auf dem Vehikel der Stimme durch den Körper hindurchschallt wie durch ein Tongefäß (“Per-sonare”), wenn man richtig oder falsch, hygienisch oder unhygienisch atmen kann oder die Stimme “einsetzen”; wenn jemand in den Bauch atmet und ein anderer Sorge hat, ob seine Stimme auch korrekt sitzt (wie eine Krawatte oder verstanden wie im Sinne einer Sitzordnung bei Tisch), dann betreten wir den Raum des Mythischen.
Der Umgang mit Mythen ist immer schwierig.
Anekdote
Eine Zen - Anekdote erzählt von einem Zenmeister, der auf seiner Wanderung in einem Dorf übernachtet, in dem großer Aufruhr herrscht.
Auf einem Feld vor dem Dorfe habe sich ein böser Geist eingenistet, der das ganze Dorf in Angst und Schrecken versetzt. Man bittet den Zenmeister, sich die Sache mal anzuschauen, mit Übernachtürlichem hat so ein Mann doch Umgang?
Unser Mann geht mit. Allzuweit trauen sich die Dorfbewohner jedoch nicht aus dem Schutz ihrer Häuser heraus, das letzte Stück bis zum Unhold macht der Zenmann allein. Einen kleinen, unreifen Kürbis findet er auf dem Feld.
Ich bin mir sicher, der Meister konnte sich ein Lachen bei dieser Entdeckung nicht verkneifen. Zumal die Dorfbewohner weit genug entfernt von ihm standen um es nicht zu sehen. Bei seiner Rückkehr jedoch, bestürmt von den verängstigten Menschen, die ihn, der sich so nah herangewagt hatte an das Böse, nun noch mehr bewundern, erklärt er, sie hätten recht. Es handele sich in der Tat um einen bösen Geist.
Und kundig leitet er die Dorfgemeinschaft darin an, den bösen Geist zu bannen. Nicht zu schnell, denn einen bösen Geist entzaubert man nicht im Handumdrehen. Das wäre unglaubwürdig. Nur so schnell, wie das Vertrauen der Dorfbewohner in das Ansteigen ihrer eigenen, und in der Minderung der Kraft des bösen Geistes wächst. Nach wochenlanger Vorbereitung schreitet schließlich das ganze Dorf zum Kürbis. Der arme böse Geist wird aufgespießt, geschält und gekocht.
Mahlzeit!
Verstärkung durch Resonanz! Stimmlippen aufsprengen! Für populäre Irrtümer in der Beschreibung akustischer und physikalischer Phänomene in Sachen Stimme, zu Fragen des “Tonstroms” etwa, der Resonanz, zum Primärklang-Filter-Modell oder zu tanzenden Luftmolekülen, zum “Aufsprengen der Stimmlippen”, zur Tonhöhe und Formanten und manchem mehr:
Forum Stimme . Mythos physiologische(r) Haltung / Atmung / Stimmgebrauch
Die Behauptung, es gäbe eine physiologische Haltung / Atmung / Stimmgebung etc. ist schon auf den ersten Blick seltsam: “Physiologisch” ist doch alles was irgendwie physiologisch beschreiben lässt - ein Mensch z.B.? Was schließt denn der Begriff ein, und was aus?
Alternativ werden auch Begriffe wie “hygienisch” genutzt oder schlicht die guten alten “gut” & “richtig” mit ihren Antipoden “schlecht” und “falsch”.
So ist das also vermutlich nicht gemeint, sondern der (eigentlich beschreibende) Begriff “physiologisch” soll hier als Wertung, als Auszeichnung verstande werden, in einem schön sauberen ordentlichen Gegensatz wie “Gut-Böse”, “Schwarz-Weiß” Das versteht nämlich jeder.
Da stellen sich zwei Fragen:
- Welche Aspekte der Physiologie werden dabei betrachtet?
- Ein bestimmter Winkel zwischen Knochen etwa mag, betrachtet man Knochen als Hebel, Muskeln als deren Beweger und ignoriert die Faszien, in deren Netz beide schwimmen, optimal für die Übertragung einer Kraft an dieser Schaltstelle gelten.
- Was aber, wenn die Einstellung dieses Winkels Schmerz auslöst?
- Welche Modelle von Physiologie werden benutzt?
- Was beispielsweise im Modell der Biomechanik als notwendig erscheinen mag, liest sich im Kontext des Tensegrity Modells als unnütz. (Beispiel: Bauchpresse beim Gewichtheben. Siehe:”Osteopathische Medizin 3/2009 Siemsen und Dittrich).
Vor allem aber:
- Wie kommt man zum Begriff des Guten?
- Was sind die Kriterien für das Gute und wo finden sich die: in der Physiologie selbst (quasi aprori, als logische Folge bestimmter physiologischer Gegebenheiten) oder im Gebrauch (quasi a posteriori - aus der Erfahrung)?
- Ist letzteres der Fall, fragt sich: wer entscheidet denn, diese Bewegung/Haltung/Atmung oder den Klang von der Person x im Moment y als gut/physiologisch/hygienisch etc. zu postulieren?
Zur Diskussion dieser wichtigsten Frage - wie man zum Begriff des Guten kommt - siehe vorläufig den Text Stimulative Stimmpraxis. Mehr dazu dann im Sommer 2012 im Forum Logopädie: “Probleme der Idee einer Indifferenzlage.”
Lunar? Solar? Alles klar!
Welcher Menschentyp sind Sie? Welcher Atemtyp? Das wissen Sie, wenn Sie wissen, unter welchem Stern Sie geboren wurden.
Dann ist eigentlich alles klar.
Kollege Frederik Beyer hat sich mal empirisch und sich treu entlang den Fragebögen von Vertretern der Lunar-Solar-Atemtyp-Idee hangelnd angenommen. Mit dem zu erwartenden fürchterlichen Befund: Es ist doch ein bisserl zu weit her mit dem Einfluss der Sterne auf die Stimme. (Sie sind einfach zu weit weg!)
Lesen Sie mehr. Im Anhang dieser Studie finden Sie auch zwei kurze Interviews mit Dr. Pezenburg und mir zu Atmungsfragen. Die Vertreter der Atemlehre wollten leider nicht Stellung nehmen.
In Kürze hier mehr zu anderen Mythen.
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